Diagnostik - Prinzipien und Methoden
Die Diagnostik in der ICD-10 unterscheidet zwischen einer manischen Störung (Manie) , bei der nur manische Phasen auftreten und einer manisch-depressiven bzw. bipolaren Störung, bei der im Krankheitsverlauf manische und depressive Phasen auftreten.
Die "Manie" oder "manische Störung"
In der ICD-10 werden drei Schweregrade der Manie unterschieden:
- Hypomanie (F30.0)
- Manie ohne psychotische Symptome (F30.1)
- Manie mit psychotischen Symptomen (F30.2)
- mit synthymen psychotischen Symptomen (F30.20)
- mit parathymen psychotischen Symptomen (F30.21)
Folgende Symptome sind besonders charakteristisch für die manische Störung:
- gehobene Stimmung
- Steigerung in Ausmass und Geschwindigkeit der körperlichen und psychischen Aktivität
Die diagnostischen Kennzeichen für Hypomanie und Manie in der ICD-10 lauten wie folgt:
- Für die Hypomanie
(F30.0)
- anhaltende leicht gehobene Stimmung
- gesteigerter Antrieb und gesteigerte Aktivität
- gewöhnlich ein auffallendes Gefühl von Wohlbefinden und körperlicher und seelischer Leistungsfähigkeit
- gesteigerte Geselligkeit
- gesteigerte Gesprächigkeit
- übermässige Vertraulichkeit
- gesteigerte Libido
- vermindertes Schlafbedürfnis
- Beeinträchtigung der Konzentration und Aufmerksamkeit
- übertriebene Geldausgaben
Anstatt der positiven, euphorischen Veränderungen können auch Reizbarkeit, Selbstüberschätzung und flegelhaftes Verhalten vorhanden sein das Ausmass der Veränderungen ist auffällig, aber nicht so ausgeprägt, dass vollständige Arbeitsunfähigkeit oder ausgeprägte soziale Ablehnung resultiert oder grössere Verschuldungen auftreten. Eine deutliche Beeinträchtigung der Berufstätigkeit und der sozialen Aktivität sowie vermehrte Geldausgaben sind dagegen mit dieser Diagnose vereinbar. Die Dauer beträgt mindestens mehrere Tage
"Wenn eine kurze hypomanische Phase nur als Einleitung oder Nachwirkung einer Manie (F30.1 und F30.2) auftritt, soll sie nicht getrennt diagnostiziert werden." (ICD-10, S. 133)
- Für die Manie ohne psychotische Symptome
(F30.1)
- Stimmung "situationsinadäquat" gehoben, "kann zwischen sorgloser Heiterkeit und fast unkontrollierbarer Erregung schwanken"
- Antriebssteigerung
- Überaktivität
- Rededrang
- vermindertes Schlafbedürfnis
- Verlust üblicher sozialer Hemmungen
- erhebliche Defizite in der Aufmerksamkeit mit starker Ablenkbarkeit
- starke Selbstüberschätzung, Grössenideen und massloser Optimismus
- leichtsinniges Geldausgeben
- Aggressivität, Verliebtheit oder Scherzhaftigkeit in falschen Situationen
- Durchführung überspannter Projekte, Fehleinschätzungen
- besondere Beeindruckbarkeit durch Geräusche, Farben oder Oberflächenstrukturen, alles wird intensiver erlebt
Anstatt einer euphorischen und gehobenen Stimmung kann auch Gereiztheit und Misstrauen vorherrschen. Das Ausmass geht deutlich über das bei der Hypomanie hinaus, die berufliche und soziale Funktionstüchtigkeit wird durch die Störung mehr oder weniger vollständig unterbrochen! Die Dauer beträgt wenigstens 1 Woche
Stimmungsveränderung in Kombination mit Antriebssteigerung sind obligatorische Symptome, begleitet von mehreren der anderen genannten Symptome, meist handelt es sich um die oben fett gedruckten Symptome.
- Für die Manie mit psychotischen Symptomen (F30.2)
- Symptome wie bei der einfachen Manie plus psychotische Symptome wie (meistens) Wahnvorstellungen (Verfolgungswahn, Grössenwahn, Beziehungswahn, auch religiöser Beziehungswahn mit Sendungsbewusstsein) oder Halluzinationen Die Antriebssteigerung in Verbindung mit den psychotischen Realitätsverkennungen können zu starken Erregungszuständen führen und in Aggressivität und Gewalttätigkeit mündenOft ist eine Verständigung in der akuten manisch-psychotischen Phase sehr erschwert, was zu einer gefährlichen Steigerung der Symptomatik führen kann.
- Wenn psychotische Symptome vom Patienten kongruent zur Stimmung wahrgenommen werden (z. B. Liebeswahn bei gehobener Stimmung oder Verfogungswahn bei gereizt, misstrauischer Stimmung), dann spricht man von synthymen psychotischen Symptomen. Passen die Wahnvorstellungen dagegen nicht zum eigenen Stimmungsbild, werden sie als "fremd" empfunden, spricht man von parathymen psychotischen Symptomen.
Differenzialdiagnose der Manie mit psychotischen Symptomen
Die schwierigste differentialdiagnostische Abgrenzung der Manie mit psychotischen Symptomen ist die gegenüber der Schizophrenie.
Die "bipolare Psychose" (manisch-depressive Erkrankung)
Wenn bei einem Patient zeitversetzt sowohl mindestens eine depressive als auch mindestens eine manische Phase aufgetreten sind, spricht man von einer "bipolaren Störung". Die Manie ist symptomatisch dabei das "Gegenstück" zur Depression. Manische und depressive Symptome können sowohl als voneinander getrennte Phasen auftreten, was der typische Verlauf ist, als auch in gemischter Form vorliegen. In der ICD-10 heisst es dazu:
"Bei dieser Störung treten einmal eine gehobene Stimmung, vermehrter Antrieb und Affektivität (Manie oder Hypomanie) auf, dann wieder eine Stimmungssenkung, verminderter Antrieb und 'Aktivität (Depression). Charakteristischerweise ist die Besserung zwischen den Episoden vollständig." (ICD-10, S. 135)Für die "gemischte" Form gilt:
"Der Betreffende hatte wenigstens eine manische, hypomanische oder gemischte affektive Episode in der Anamnese und zeigt gegenwärtig entweder eine Mischung oder einen raschen Wechsel von manischen, hypomanischen und depressiven Symptomen" (ICD-10, S. 138)
Allgemeine Kennzeichen der bipolaren Störung:
- die manischen Phasen beginnen meist abrupt
- depressive Phasen dauern im Schnitt länger (6 Monate) als die manischen Phasen (4 Monate)
- beide Geschlechter sind gleich häufig betroffen
- Episoden werden oft nach belastenden Lebensereignissen oder anderem Stress ausgelöst
- die Erkrankung kann in jedem Alter beginnen
- das Verlaufsmuster ist sehr variabel und wenig vorhersehbar
- im Alter gibt es eine Tendenz zur Verkürzung der Phasenintervalle und zur Verlängerung depressiver Phasen
Zuletzt aktualisiert: 03.02.2010