Es gibt nicht die Ursache von Depressionen. Depressive Erkrankungen und andere affektive Störungen können stattdessen - das gilt inzwischen als gesichert - durch eine Vielzahl von Faktoren mitbedingt und ausgelöst werden. Im Fachjargon nennt man dies eine "multifaktorielle Ätiopathogenese", d.h. eine Krankheitsentstehung durch viele Ursachen. Entsprechend diesen vielfältigen möglichen Ursachen der affektiven Störungen und darunter auch der Depressionen sind auch die erkrankten Menschen selber recht verschieden von einander. Das gilt sowohl für die Ausprägung und die Erscheinungsweise der Zustandsbilder selber, als auch für den je individuellen Umgang mit der Störung. Bei der Verursachung, Auslösung und Unterhaltung affektiver Störungen und Depressionen handelt es sich somit um ein komplexes Wechselspiel zwischen biologischer Veranlagung, Entwicklungsfaktoren, Lebensereignissen u. a.
Die "genetischen" Faktoren bei der Verursachung von Depressionen lassen sich mit Hilfe von Familienstudien, der Zwillingsforschung und Adoptivstudien sowie mit molekulargenetischen Untersuchungen indirekt untersuchen. So finden sich etwa
Eine direkte Verantwortlichkeit bestimmter Gene ließ sich bisher nicht überzeugend nachweisen, die verfügbaren Studienergebnisse sind widersprüchlich und in diesem Rahmen nicht verwertbar. Interessanterweise gibt es aber ganz offenbar eine Affinität zwischen starkem Rauchen und Depressionen, sodass es möglicherweise Überschneidungen in der genetischen Determination depressiver Störungen und des Substanzmissbrauches gibt.
Die "biologischen" Faktoren bei Depressionen werden durch folgende Befunde belegt:
Für depressive Menschen werden auch alltägliche soziale Unternehmungen und Aufgaben zu "Stress". Die zusammenfassend als "psychosoziale" Faktoren bezeichneten Störgrößen sind offenbar für die Auslösung und die Entwicklung oder Unterhaltung einer Depression von entscheidender Bedeutung. Hier fallen je nach individueller Situation und Konstitution "psychosoziale Stressoren" aller Art ins Gewicht, wie etwa der Tod von nahen Angehörigen, Arbeitsplatzverlust, Trennung, aber auch stufenweise "Traumatisierungen", etwa Kindheitstraumata, Missbrauchserfahrungen oder Mobbing- und Burnout-Prozesse. Depressionen entstehen auf dem Boden dieser Stressoren
In besonders schweren Fällen, bei entsprechender melancholischer Veranlagung, bei langjährigen, in die Kindheit zurückreichenden Verläufen oder bei schweren späteren Traumatisierungen, z.B. durch Naturkatastrophen, Folter etc. können sich Depressionen bis in die Ebene einer "Persönlichkeitsstörung", also "strukturell" niederschlagen.
Der konstitutionelle "Typus melancholicus" wurde von Tellenbach detailliert beschrieben und durch spätere Untersuchungen empirisch bestätigt.
Die Kommunikation zwischen Nervenzellen wird über sogenannte "Botenstoffe" (oder "Transmitter") vermittelt. Der Ort der Übertragung von Informationen von einer Zelle auf die nächste über Transmitter sind die sogenannten "Synapsen". Der Bau von Synapsen und Grundvorstellungen über die Anatomie des Nervensystems müssen an dieser Stelle vorausgesetzt werden.
Das Katecholamin "Noradrenalin" ist ein wichtiger Botenstoff im Hirn (Neurotransmitter). Er wird in den Nervenzellen des noradrenergen Systems gebildet aus der Aminosäure L-Tyrosin. Dabei entsteht im ersten Schritt "L-Dopa", im zweiten Schritt "Dopamin" und durch eine weitere Umwandlung zuletzt das Endprodukt "Noradrenalin". Kommt es zu einer Erregung der Nervenzelle wird das gespeicherte Noradreanlin aus den Speichervesikeln in den synaptischen Spalt zwischen zwei Nervenzellen freigesetzt. Nach dieser Freisetzung laufen folgende Prozesse ab:
Noradrenerge Nervenbahnen projizieren vom lateralen Tegmentum des Mittelhirns und dem Locus coeruleus der Brücke (Pons) aus in Teile des limbischen Systems (Hippocampus, Amygdala, Gyrus Cinguli, Thalamuskerne, Hypothalamus) und in den frontalen Kortex. (vgl. Köhler 2005, S. 144)
Die Bildung von Serotonin in Nervenzellen erfolgt aus der Aminosäure L-Tryptophan über eine Zwischenstufe zu 5-Hydroxy-Tryptophan (5-HT = Serotonin). Das verantwortliche Enzym ist unter normalen Bedingungen nicht ausgelastet, sodass die Gabe von L-Tryptophan und anderen Aminpräkursoren die Serotonin-Prtoduktioin im Körper erhöhen kann!
Das Prinzip der Signalübertragung zwischen Zellen des serotonergen und anderer Transmittersysteme erfolgt auf dieselbe Art wie beim noradrenergen System oben beschrieben, ebenso die Prinzipien der Inaktivierung der Transmitterstoffe. Der Abbau von Serotonin erfolgt ebenfalls über MAO-A (s. o.), das Abbauprodukt heißt 5- Hydroxyindolessigsäure (5-HIAA)
Serotonerge Neurone sitzen im Hirnstamm, genauer in den Raphe-Kernen (Medulla oblongata) und in den Formatio reticularis. Von dort zeiehn sie weitflächig ins Rückenmark, ins Kleinhirn, in die Basalganglien, in Teile des limbischen Systems (Gyrus cinguli, Amygdala, Hippocampus, Thalamus, Hypothalamus) und in den frontalen Kortex. Seine Präsenz in der Formatio reticularis erklärt die Bedeutung des Serotonins bei der Regulation von Essen und Schlafen!
Man unterscheidet folgende Serotonin-Rezeptor-Typen:
Verschiedene Beobachtungen stützten die Entwicklung von Hypothesen, die für die Entstehung von Depressionen Störungen in Transmittersystemen verantwortlich machen:
Besonders die „Monoaminmangelhypothese“ der Depression spielte und spielt noch heute als Aufgangspunkt für weitere ätiologische Forschungen und für die Entwicklung moderner Antidepressiva eine große Rolle.
In der ersten konkreten Formulierung durch Bunney und Davis (1965) und Schildkraut (1965) handelte es sich um eine reine „Katecholaminhypothese“. Es wurde angenommen, dass zumindest einige Depressionen Folge eines relativen oder absoluten Noradrenalinmangels sind, während ein Noradrenalinüberschuss zu einer gehobenen Stimmungslage führt.
Später wurde diese Fassung von anderen Autoren erweitert, die neben dem Noradrenalinmangel auch einen Serotoninmangel bei depressiven Menschen postulierten. Diese erweiterte „Monoaminmangelhypothese“ ist im klinischen Bereich bis heute relevant und Grundlage für die Entwicklung moderner Antidepressiva mit spezialisiertem Wirkungsspektrum.
In der Forschung mehren sich allerdings inzwischen die Gründe, die Monoaminmangelhypothese in der oben genannten Form in Frage zu stellen. Köhler (2005) sieht aufgrund der Forschungslage sogar „zwingende Gründe“ (S. 148), die enge Verknüpfung von Depressionen und quantitativen Transmitterveränderungen abzulehnen.
Der Haupteinwand gegen die Gültigkeit der genannten Hypothese ist die typische Wirklatenz verabreichter Antidepressiva: während Kokain und Amphetamine ihre Wirkungen unmittelbar nach der Einnahme entfalten, benötigen auch die eigens für eine selektive Wirkung auf Transmittersysteme entwickelten Antidepressiva ihre antidepressive Wirkung erst mit einer Verzögerung von Tagen bis Wochen, obwohl die quantitativen Veränderungen an den Botenstoffen im Hirn viel schneller erfolgen. Die „antidepressive Wirkung“ kann also eigentlich gar nicht direkt mit dem Eingriff im Transmitterhaushalt zusammenhängen. Vielmehr liegt es nahe, sekundäre und also durch die Transmitterwirkung ausgelöste, nachfolgende Ereignisse für die antidepressive Wirkung verantwortlich zu machen.
Neuere „Dysregulationsmodelle“ werden dem genannten Widerspruch schon besser gerecht, indem sie nicht der durch ein Antidepressivum initial bewirkten Änderung der Transmittersituation im synaptischen Spalt die wesentliche Bedeutung beimessen, sondern eher einer durch den Eingriff längerfristig bewirkten insgesamten Stabilisierung eines oder mehrerer Transmittersysteme. So vermuteten Siever und Davis (1985) eine Instabilität im noradrenergen System als Ursache depressiver Störungen. Ihrer Meinung nach komme es bei depressiven Menschen zu einer unkontrollierten und höherfrequenten Ausschüttung von Noradrenalin bei gleichzeitig geringerem Output pro Ausschüttung. Janowski et al (1972) hatten bereits noch umfassender postuliert, dass eine Dysbalance zwischen dem cholinergen und dem noradrenergen System verantwortlich für das Auftreten affektiver Störungen sei und vermuteten bei Depressionen eine relative Überaktivität im cholinergen, bei Manie eine Überaktivität im noradrenergen System.
Zunehmend, aber mit noch sehr unklaren Ergebnissen, konzentriert sich die Forschung auch auf die Bedeutung von GABA und Dopamin.
Was die sekundäre, nachgeschaltete Wirkung der Antidepressiva anbetrifft, werden v.a. eine durch den medikamentös bedingten Transmitterüberschuss (Noradrenalin und Serotonin) induzierte, adaptive „down-regulation“ postsynaptischer Rezeptoren verantwortlich gemacht, die auf molekularer Ebene über den Mechanismus der „Signaltransduktion“ erfolgen soll.
Eigenständige Modelle für die Manie und die bipolare Störung wurde kaum entwickelt. Die Situation bei der Manie wird entweder als Gegenstück zur depressiven Situation interpoliert. Darüber hinaus gibt es die „permissive-Hypothese“ von Prang et al (1974), nach der bei beiden Störungen ein Serotoninmangel im synaptischen Spalt vorliegt und es von der Noradrenalinkonzentration abhängt, ob ein depressives oder ein manisches Syndrom entsteht. Die Hypothese, eine veränderte Ionenkanalpermeabilität sei wesentlich für manische Störungen verantwortlich fand bislang keine ausreichende Abstützung durch Forschungsergebnisse. Vielversprechender ist auch für die Manie der oben angedeutete Forschungsansatz, der sich mit Veränderungen der Signaltransduktion beschäftigt. Die affektiv stabilisierende Wirkung von Lithium scheint auf diese Weise zustande zu kommen.
Köhler (2005, S. 152) kommt zu der Feststellung
"...das kein klares ätiopathogenetisches Modell der Depression (oder allgemeiner: affektiver Störungen) existiert, welches - vergleichbar etwa dem Weinbergerschen Modell der Schizophrenien - genetische und andere Faktoren mit morphologischen Befunden und Nachweisen von Transmitterveränderungen in eine logische Verbindung bringt."
Im Grund weiß man nicht einmal, ob es überhaupt eine einheitliche Genese affektiver Störungen gibt, die Befunde sprechen eher für unterschiedliche Subtypen von Depressionen. Z. B. bei der saisonal-abhängigen, auf Lichttherapie ansprechenden depressiven Störung, bei der offenbar Verschiebungen biologischer Rhythmen (mit-)verursachend sind und bei der Spätdepression (late-onset-depression), bei der vermutlich Durchblutungsstörungen einen wesentlichen pathogenetischen Faktor darstellen, scheint es sich um solche Subtypen zu handeln. Es ist auch fraglich, ob die Depressionen, die im Zusammenhang mit bipolaren Störungen auftreten dieselben Ursachen haben wie die monopolaren Depressionen.
Zuletzt aktualisiert: 03.02.2010